Wissen benennt, unterscheidet und stellt Zusammenhänge her. Doch jede Erkenntnis kann zur Grenze werden, sobald sie als endgültig gilt. Dann bestimmt das bereits Gewusste, was überhaupt noch gesehen werden kann.
Gewissheit gibt Halt. Zugleich kann sie an eine Antwort binden, deren Gültigkeit längst nicht mehr geprüft wird. Die Antwort bleibt bestehen; die Frage, aus der sie hervorging, verstummt.
Nichtwissen bedeutet hier weder Unkenntnis noch den Verzicht auf Erkenntnis. Es bezeichnet das Eingeständnis, dass keine Antwort ihren Gegenstand vollständig erschöpft. Etwas kann verstanden sein, ohne damit abgeschlossen zu sein.
Diese Offenheit ist nicht beliebig. Eine Behauptung wird nicht dadurch wahr, dass Gewissheit fehlt. Gründe behalten ihr Gewicht, Erfahrung ihre Bedeutung. Doch auch eine begründete Überzeugung bleibt befragbar.
Die Freiheit des Nichtwissens liegt darin, keine endgültige Antwort besitzen zu müssen. Eine offene Frage muss weder vorschnell beantwortet noch für unbeantwortbar erklärt werden. Sie darf bestehen und das Denken über seine bisherigen Grenzen hinausführen.
Erkenntnis verliert dadurch nicht ihren Wert. Sie verliert ihre Endgültigkeit.