Amplitud VivaLebendige Weite

Texte

Diese Texte gehen Fragen nach Bewusstsein, Wirklichkeit und dem eigenen Sein nach. Sie berühren auch Themen der Mystik und des Advaita, ohne daraus eine neue Lehre zu machen. Im Text „Das wahre Selbst“ kommt dabei auch Ramana Maharshi zur Sprache.

Die Freiheit, nicht zu wissen

Wissen benennt, unterscheidet und stellt Zusammenhänge her. Doch jede Erkenntnis kann zur Grenze werden, sobald sie als endgültig gilt. Dann bestimmt das bereits Gewusste, was überhaupt noch gesehen werden kann.

Gewissheit gibt Halt. Zugleich kann sie an eine Antwort binden, deren Gültigkeit längst nicht mehr geprüft wird. Die Antwort bleibt bestehen; die Frage, aus der sie hervorging, verstummt.

Nichtwissen bedeutet hier weder Unkenntnis noch den Verzicht auf Erkenntnis. Es bezeichnet das Eingeständnis, dass keine Antwort ihren Gegenstand vollständig erschöpft. Etwas kann verstanden sein, ohne damit abgeschlossen zu sein.

Diese Offenheit ist nicht beliebig. Eine Behauptung wird nicht dadurch wahr, dass Gewissheit fehlt. Gründe behalten ihr Gewicht, Erfahrung ihre Bedeutung. Doch auch eine begründete Überzeugung bleibt befragbar.

Die Freiheit des Nichtwissens liegt darin, keine endgültige Antwort besitzen zu müssen. Eine offene Frage muss weder vorschnell beantwortet noch für unbeantwortbar erklärt werden. Sie darf bestehen und das Denken über seine bisherigen Grenzen hinausführen.

Erkenntnis verliert dadurch nicht ihren Wert. Sie verliert ihre Endgültigkeit.

… weil die Wirklichkeit IST.

Wirklichkeit wartet nicht auf ein Verstehen. Sie befindet sich weder in einem verborgenen Winkel des Verstandes noch in einem künftigen Augenblick, in dem endlich alles erkannt sein wird.

Mit dem Denken versucht man, sich ihr anzunähern. Doch auch dieser Versuch geschieht bereits in ihr. Selbst der Gedanke, von ihr getrennt zu sein, liegt nicht außerhalb ihrer Gegenwart.

Sie kann unbemerkt bleiben, während die Aufmerksamkeit ganz von Gedanken beansprucht wird. Daraus folgt nicht, dass das Denken verschwinden müsste. Ein Gedanke verdeckt Wirklichkeit nicht durch seine bloße Anwesenheit. Er gehört selbst zu dem, was erscheint.

Doch Gedanken können den Anspruch erhalten, das eigene Sein vollständig auszusprechen. Eine Erinnerung wird zu „meiner Geschichte“, eine Überzeugung zu „meiner Wahrheit“, ein Urteil zu „So bin ich“. Was gedacht wird, scheint dann festzulegen, wer da ist.

Gedanken wissen jedoch nichts von sich selbst. Auch der Gedanke „ich“ wird wahrgenommen. Er kann das eigene Sein benennen, aber nicht allein durch diese Benennung erkennen.

Darin öffnet sich die Frage: Wer ist sich all dessen bewusst?

Eine weitere Beschreibung mag darauf antworten. Doch auch diese Antwort erscheint wieder als Gedanke. Die Frage reicht tiefer als das Bild, das das Denken von der eigenen Person entwirft.

Selbsterkenntnis verlangt deshalb nicht, das Denken zu bekämpfen. Sie verlangt, bei der Frage zu bleiben und die Aufmerksamkeit dem eigenen Sein zuzuwenden. Nicht nur dem, was über sich selbst bekannt ist, sondern dem, dem auch dieses Wissen bewusst ist.

Das kann still werden, ohne dass Stille erzwungen wird. Gedanken dürfen da sein, ohne dass jeder Gedanke verfolgt oder als Aussage über das eigene Wesen festgehalten werden muss.

Wirklichkeit beginnt nicht dort, wo das Denken endet. Kein Gedanke bringt sie hervor, kein Gedanke hebt sie auf.

Auch die Suche nach ihr ist bereits in ihr möglich.

… weil die Wirklichkeit IST.

Zum Verständnis

„Wirklichkeit“ meint hier im spirituellen Sinn das grundlegend Gegenwärtige: das, was nicht erst durch eine Vorstellung entsteht und nicht mit ihrem Verschwinden aufhört zu sein. Die Frage richtet sich damit auf den Grund des Daseins und zugleich auf das eigene Sein.

Sie betrifft das menschliche Leben unmittelbar. Was als „ich“ gilt, bestimmt mit, was bedroht erscheint, was verteidigt werden muss und woran sich Hoffnung bindet. Wird das eigene Sein ganz mit wechselnden Gedanken, Erfahrungen und Selbstbildern gleichgesetzt, scheint es mit ihnen zu stehen und zu fallen. Selbsterkenntnis fragt, ob damit bereits alles gesagt ist, was der Mensch ist.

Diese Ergründung hat eine lange Geschichte. In der griechischen Philosophie wurde über Sein, Erscheinung und Wandel nachgedacht. In den indischen Upanishaden begegnen Fragen nach dem Selbst und dem Grund des Daseins. Ātman bezeichnet das Selbst, Brahman die grundlegende Wirklichkeit. Im Advaita werden beide ihrem Wesen nach als nicht getrennt verstanden; andere Schulen deuten ihr Verhältnis anders. Diese Begriffe sind keine bloßen Namen persönlicher Gottheiten. Sie gehören zu unterschiedlichen Versuchen, das Dasein zu verstehen.

Solche Überlieferungen können Orientierung geben. Die eigene Ergründung setzt jedoch weder ihre Übernahme noch einen Götterglauben voraus. Auch ein Guru, die Zugehörigkeit zu einer Tradition, religiöse Symbole oder Riten sind dafür keine Voraussetzung. Ihr möglicher Wert für einzelne Menschen wird dadurch nicht bestritten.

Ebenso wenig ist eine bestimmte Meditationspraxis vorgeschrieben. Das bedeutet aber nicht, dass Selbsterkenntnis ohne Aufmerksamkeit und Vertiefung geschieht. Sie braucht Konzentration, Gelassenheit und die Bereitschaft, bei der eigenen Erfahrung zu verweilen, statt sie sogleich zu bewerten oder sich von ihr abzuwenden.

Eine ruhige, natürliche Umgebung kann diese Hinwendung wesentlich unterstützen. Ein stiller Raum, wenig Ablenkung und ausreichend Zeit erleichtern es, innere Ruhe zu finden und sich der eigenen Tiefe zuzuwenden. Äußere Stille nimmt diese Hinwendung nicht ab. Sie gibt ihr Raum.

Dabei ist Ruhe kein Zustand, der vollkommen erreicht sein müsste, bevor Selbsterkenntnis beginnen darf. Auch Unruhe, Zweifel und Gedanken können wahrgenommen werden. Entscheidend ist die Bereitschaft, sich ihnen aufmerksam zuzuwenden, ohne sich in jeder ihrer Bewegungen zu verlieren.

Spiritualität bezeichnet hier diese unmittelbare Ergründung des eigenen Seins. Begriffe können sie verständlicher machen, philosophische Gedanken können sie anregen. Die eigene Hinwendung können sie nicht ersetzen.

Der Begriff „Spiritualität“ dient auf dieser Seite der Verständigung. Er benennt hier die Hinwendung zum eigenen Sein und dessen unmittelbare Ergründung. Diese Möglichkeit ist an keinen besonderen Namen gebunden.

Dasselbe gilt für „Meditation“. Gemeint sind hier Sammlung, stilles Verweilen und eine vertiefte Aufmerksamkeit – keine vorgeschriebene Technik und kein Versprechen, einen besonderen Zustand erwerben zu können.

Wo solche Begriffe vor allem mit Angeboten, Methoden und Erfolgsversprechen verbunden werden, kann das Einfache daran aus dem Blick geraten: die Möglichkeit, sich dem eigenen Erleben unmittelbar zuzuwenden. Diese Seite möchte dafür Raum geben.

Die Veränderung IST die Wirklichkeit.

Was fest erscheint, bleibt nicht unverändert. Jede Form besteht unter Bedingungen, wandelt sich und vergeht. Dennoch gilt häufig gerade das Beständige, Greifbare und Messbare als das eigentlich Wirkliche. Veränderung erscheint dann wie etwas, das den Dingen nachträglich widerfährt.

Doch gibt es überhaupt ein Ding, das zunächst ganz für sich besteht und erst danach in den Wandel eintritt?

Nicht fertige Dinge geraten in Veränderung. Im fortwährenden Wandel treten Formen hervor, bestehen eine Zeit lang und lösen sich wieder auf.

Auch der Mensch ist darin kein abgeschlossener Gegenstand. Körper, Empfindungen, Gedanken und Selbstbilder verändern sich. Das eigene Sein auf eine dieser Gestalten festzulegen hieße, einen Augenblick zum endgültigen Maß zu machen.

Hier ist von einer Erfahrung die Rede, nicht allein von einem philosophischen Gedanken: Wandel und das, was ihn ermöglicht, sind nicht voneinander getrennt. Der Grund des Daseins liegt nicht hinter den Erscheinungen. Er ist ihnen innewohnend und erschöpft sich doch in keiner von ihnen.

„Vorausgehend“ bedeutet deshalb kein Früher in der Zeit. Gemeint ist das stets Gegenwärtige, ohne das weder Erscheinen noch Verschwinden, weder Sein noch Nichtsein möglich wäre.

Darin liegt für mich die Bedeutung des Göttlichen. Kein Wesen neben anderen Wesen, keine Macht außerhalb des Daseins. Gemeint ist jene Wirklichkeit, von der nichts getrennt sein kann.

Schon als Jugendlicher sagte ich in einem Gespräch: „Ob es Gott gibt oder nicht, ist doch das Gleiche.“ Damit war nicht gemeint, dass diese Frage bedeutungslos sei. Gemeint war: Weder die Bejahung noch die Verneinung Gottes reicht über diese Wirklichkeit hinaus. Beide sind bereits in ihr möglich.

An dieser Wirklichkeit entscheidet sich nicht, ob ein Begriff bestehen bleibt. Vielmehr verliert jeder Begriff seinen Anspruch, sie vollständig zu umfassen – auch der Begriff „Gott“.

Das ist es, was ich mit dem wahrhaft Göttlichen meine.

Zwischen Grenzen

Wir leben an der Grenze zwischen dem, was wir denken, und dem, was wir sind.

Zwischen dem gedachten Geist – und dem Raum.

In dem alles geschieht und erscheint.

Das Bewusstsein ist im Kopf gesammelt, dort gleichsam verdichtet. Das ist der gewöhnliche Zustand des Menschen.

So folgt es ganz selbstverständlich dem gedachten Geist. Und der gedachte Geist erschafft eine persönliche Identität: ein erfundenes Leben, einen erfundenen Tod.

Es gibt eine andere Möglichkeit.

Das Bewusstsein braucht diese Personalisierung nicht. In seiner Natur, in seinem Wesen, ist es frei von Begriff, Bild und Zeit. Es ist die Freiheit selbst.

Das Bewusstsein kann sich seiner eigenen Natur bewusst werden – seines Wesens, seiner selbst.

Da diese Natur formlos ist, kann sie die Begrenzungen des Verstandes durchdringen und sich wieder vollkommen ihrer selbst bewusst werden.

Doch warum kann man sagen, dass sie formlos ist?

Genau hier setzt die lebendige Erfahrung an. Es muss erlebt werden.

Als diese Formlosigkeit durchdringt das Bewusstsein jede Erscheinung und erlebt sich selbst als frei von allen Erscheinungen – nicht weil die Erscheinungen verschwinden, sondern weil sie seine Freiheit nicht berühren.

Freies Bewusstsein.

Nicht frei von Gedanken.
Nicht frei, weil keine Gedanken mehr da sind.

Sondern in seiner Natur frei – ob Gedanken erscheinen oder nicht.

Zum Verständnis

Freiheit des Bewusstseins bedeutet nicht: „Ich bin frei.“

Gemeint ist, dass das Bewusstsein nicht an das Ich gebunden ist, das im Denken entsteht. Auch dieses Ich – mit seinen Wünschen, Absichten und Vorstellungen – erscheint im Bewusstsein. Es bestimmt nicht dessen Wesen.

Die Freiheit gehört deshalb nicht einer Person, die sie erreicht oder besitzt. Sie liegt in der Natur des Bewusstseins selbst.

Gedanken und Wünsche können weiterhin erscheinen. Das persönliche Leben muss nicht verschwinden. Doch das Bewusstsein erschöpft sich nicht in dem, was als „ich“ gedacht und erlebt wird.

Darin liegt der entscheidende Unterschied: nicht die Freiheit des Ichs, sondern die Freiheit des Bewusstseins vom Ich.

Amplitud Viva

Mit Amplitud Viva (Lebendige Weite) eröffnet Josan einen Raum der Begegnung für Menschen, die grundlegenden Fragen des Lebens, des Bewusstseins und des eigenen Seins nachgehen möchten.

Im Mittelpunkt stehen das gemeinsame Gespräch, die Stille und die unmittelbare Erfahrung. Fragen dürfen untersucht und vermeintliche Gewissheiten hinterfragt werden, ohne dass daraus eine neue Lehre oder ein Glaubenssystem entstehen muss.

Dabei geht es nicht darum, vorgegebene Antworten zu übernehmen. Unterschiedliche philosophische, spirituelle und religiöse Traditionen können Anregung und Orientierung geben, doch entscheidend bleibt, was sich in der eigenen Erfahrung tatsächlich erkennen und prüfen lässt.

Die Schönheit und Tiefe dieser Traditionen liegt nicht nur in ihren Formen oder Überlieferungen. Sie verweist auch auf die Menschen, die sie hervorgebracht, gelebt und immer wieder neu ergründet haben.

Die Begegnungen richten sich an Menschen, die sich dafür Zeit nehmen möchten – unabhängig davon, ob sie bereits mit Meditation, Philosophie oder Spiritualität vertraut sind.

Was ist wirklich?

Frage: Du sprichst von unserer zugrunde liegenden Natur. Was meinst du damit?

Josan: Wir erleben die Welt, denken und fühlen. Wir wissen vieles über uns – und können dennoch fragen: Bin ich wirklich das, was ich von mir kenne?

Mit unserer zugrunde liegenden Natur meine ich das, was wir bereits sind, bevor wir uns durch unsere Geschichte, unsere Eigenschaften, Erfahrungen und Vorstellungen über uns selbst beschreiben.

All das gehört zu unserem menschlichen Leben und prägt unsere persönliche Identität. Aber beantwortet es bereits die Frage, was wir sind – oder noch unmittelbarer: Wer bin ich eigentlich?

Frage: Aber woran kann ich erkennen, ob das, was ich über mich denke, wirklich stimmt?

Josan: Zunächst möchte ich betonen, dass eine solche, ihrem Wesen nach sehr tiefe Frage nicht oberflächlich behandelt werden sollte – nicht von dir und auch nicht von mir. Sie berührt ein uraltes Problem und verlangt nach einer Unterscheidung, die letztlich nur in tiefer eigener Erfahrung wirklich bewusst werden kann. Mit der Art des Hinterfragens, wie wir sie in diesem Gespräch betreiben, können wir uns ihr annähern, aber wir können sie nicht einfach gedanklich lösen.

Ein wenig möchte ich dir dennoch mitgeben.

Schon im gewöhnlichen Erleben kannst du unterscheiden zwischen dem, was du über dich denkst, und dem, was du bereits bist. Jemand kann sagen: „Ich habe gute Laune.“ Ein anderer sagt: „Ich bin ein grundsätzlich gut gelaunter Mensch.“ Das ist nicht dasselbe. Das eine beschreibt einen vorübergehenden Zustand, das andere etwas, das ein Mensch als eine bereits zu ihm gehörende Eigenschaft erlebt.

Was du über dich denkst, kann vieles richtig beschreiben: deine Geschichte, deinen Charakter, deine Erfahrungen oder die Art, wie du dich in der Welt erlebst. Aber all das beantwortet noch nicht die Frage, was du bist.

Dieser Frage kann man nicht allein durch Gedankenkraft auf den Grund gehen. Sie verlangt eine andere Tiefe – ein unmittelbares Ergründen des eigenen Seins.

Wenn du sagst: meine Gedanken, meine Gefühle, meine Erfahrungen – dann kannst du fragen: Wer oder was ist dieses „mein“? Aber auch diese Frage sollte nicht nur im Kopf weitergedacht werden.

Versuche für einen Moment nicht, eine Antwort zu finden.

Sei still, tief, weit.

Die Antwort muss nicht als Gedanke erscheinen, sie muss nicht hörbar im Kopf sein und nicht einmal als Gefühl auftreten. Es muss überhaupt keine Antwort geben.

Auf diese Weise kannst du selbst ergründen, ob das, was du bisher für dich selbst gehalten hast, tatsächlich das Ganze sein kann.

Frage: Was verändert sich dadurch?

Josan: Äußerlich muss sich zunächst gar nichts verändern. Gedanken und Gefühle sind weiterhin da. Aber sie müssen nicht mehr darüber entscheiden, was wir für uns selbst halten.

Darin kann eine Freiheit entstehen, eine Weite, in der auch das Persönliche seinen Platz behält, ohne alles bestimmen zu müssen.

Frage: Müssen Gedanken dafür verschwinden?

Josan: Nein. Das Denken ist kein Hindernis an sich. Eng wird es dort, wo wir seine Inhalte mit uns selbst verwechseln. Auch Gedanken und Gefühle können frei erlebt werden.

Frage: Du sprichst von Frieden. Ist das nicht einfach ein Gefühl, das wieder vergeht?

Josan: Ein friedliches Gefühl kommt und geht. Der Frieden, von dem ich spreche, hängt nicht davon ab, wie sich der Augenblick gerade anfühlt.

Frage: Und wie ist das mitten in einem Konflikt – auch bei dir?

Josan: Manchmal ist es anstrengend, wie bei jedem anderen Menschen auch. Aber wenn du wissen willst, was diese Freiheit bedeutet, hilft dir ein Vergleich mit mir nicht weiter. Das kannst du nur in deinem eigenen Erleben ergründen.

Frage: Wie beginnt diese Suche?

Josan: Wie eben jetzt. Du bist mittendrin.

Frage: Und woran erkenne ich, dass dieses Selbst nicht wieder nur eine Vorstellung ist, die aus meinen Erfahrungen stammt?

Josan: Jetzt sind wir beim eigentlichen Anliegen.

Denn auch das Wort „Selbst“ kann wieder zu einer Vorstellung werden, wenn wir glauben, mit dem Begriff bereits verstanden zu haben, worauf er verweist.

Wie tief jemand dieser Frage nachgeht, liegt bei ihm selbst. Mehr möchte ich in diesem Moment dazu nicht sagen.

Wo ist die Weite zu Hause?

Was wissen wir eigentlich wirklich?

Wir können beschreiben, wie etwas geschieht, Zusammenhänge erkennen und unser Wissen immer weiter verfeinern. Doch zu wissen, wie etwas geschieht, muss noch nicht bedeuten zu wissen, was es ist.

Was wissen wir also wirklich – und was glauben wir bereits zu wissen?

Eine Erklärung kann richtig sein und dennoch nicht das Ganze erfassen. Aus Erklärungen wird Wissen, aus Wissen Gewissheit, und manchmal hören wir auf zu fragen, sobald eine Antwort überzeugend genug erscheint.

Gewissheit

Hinterfragen bedeutet nicht, alles anzuzweifeln. Auch eine Gewissheit kann untersucht werden, ohne deshalb ihren Wert zu verlieren.

Es geht nicht darum, Wissen abzulehnen, sondern offen zu halten, ob das, was wir wissen, bereits das ist, was wir zu wissen glauben. Eine Antwort kann weiterführen, sie kann aber auch eine Frage beenden, die noch längst nicht zu Ende gefragt ist.

Nichtwissen

Es gibt Momente, in denen Nichtwissen nicht bedeutet, verloren zu sein. Wir sind es gewohnt, aus dem heraus zu schauen, was wir bereits kennen.

Was geschieht, wenn wir für einen Augenblick nichts von dem voraussetzen, was wir bereits zu wissen glauben? Nicht, um das Bekannte abzulehnen, sondern um zu sehen, ohne sofort eine Antwort finden zu müssen.

Was bleibt?

Was bleibt, wenn wir nichts voraussetzen? Nicht als gedankliches Experiment, sondern unmittelbar.

Was ist jetzt, noch bevor wir es benennen oder entscheiden, was es bedeutet?

Diese Frage muss nicht sofort beantwortet werden. Sie darf offen bleiben.

Weite

Weite bedeutet nicht, dass Gedanken, Gefühle oder das Menschliche verschwinden müssen. Die Enge liegt nicht unbedingt in dem, was erscheint, sondern darin, wie unfrei es erlebt wird.

Nichts muss weg. Was ist, darf befreit und frei erlebt werden.

Meditation

Weite ist kein Ergebnis von Meditation, und Meditation stellt sie auch nicht her.

Dabei sollte klar sein, worum es hier mit Meditation geht: nicht darum, etwas anzusammeln, ein Ziel zu erreichen oder durch Übung irgendwann etwas anderes zu werden.

Eigentlich geht es um die entgegengesetzte Bewegung – darum, nichts herstellen oder hinzufügen zu müssen und nicht erst irgendwohin gelangen zu wollen. Meditation kann so zu einem Raum werden, in dem wir dem begegnen, was bereits ist.

Wo ist die Weite zu Hause?

Die lebendige Weite ist überall dort zu Hause, wo sie gelebt wird – in dir. Sie ist das, was übrig bleibt, wenn alles andere befreit und frei erlebt werden kann.

Sie ist der Urgrund deiner Meditation.

Wo ist lebendige Weite zu Hause?

Immer hier.

Das wahre Selbst

Der Begriff des wahren Selbst findet sich in unterschiedlichen Zusammenhängen. Spiritualität, Religion und Philosophie verwenden und beschreiben ihn auf verschiedene Weise.

Wenn hier vom wahren Selbst gesprochen wird, ist damit nicht das persönliche Ich gemeint, das sich im Laufe eines Lebens entwickelt und durch Erfahrungen, Erziehung, Kultur und Vorstellungen über sich selbst geprägt wird.

Das persönliche Ich ist damit nicht bedeutungslos. Es trägt seine eigene Geschichte, seine Prägungen und seine individuelle Ausformung.

Man könnte dieses Ich analysieren, zerlegen und immer weiter erklären. Doch damit würde man es womöglich nur erneut in den Mittelpunkt stellen.

Fast so, wie manche Religionen den Teufel so sehr zum Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit gemacht haben, dass er schließlich an jeder Ecke zu lauern scheint.

Darum soll es hier nicht gehen. Wenden wir uns stattdessen dem zu, was bereits ist, bevor all das hinzukommt.

Vor jedem Gedanken, vor jeder Vorstellung über dich selbst, vor allem, was du von dir kennst, musst du bereits sein.

Du musst sein, bevor du denken kannst.
Du musst sein, bevor du dich beschreiben kannst.
Du musst sein, bevor du sagen kannst: Ich bin dieser oder jener.

Und was für den Menschen im Kleinen gilt, führt zu derselben Frage im Großen:

Was ist das Selbst dieses Ganzen?

Was ist, bevor alles andere ist?
Bevor Raum ist?
Bevor Zeit ist?
Bevor etwas erscheint, das wir Welt, Leben, Mensch oder Universum nennen?

Was aber ist, wenn wir selbst Raum und Zeit nicht voraussetzen?

Hier berühren wir das, worauf in verschiedenen spirituellen Traditionen mit dem Selbst verwiesen wird und wovon auch Ramana Maharshi sprach.

Das Selbst ist kein Objekt.

Es ist nicht etwas, das einem anderen gegenübersteht.

Aber es ist auch nicht nichts.

Denn auch das Nichts ist nicht das Letzte.

Das Selbst ist nicht auf Raum und Zeit begrenzt. Und dennoch ist es als Raum und als Zeit, im Raum und in der Zeit – und auch dort, wo Raum und Zeit nicht mehr vorausgesetzt werden können.

Es gibt nichts – rein gar nichts –, was außerhalb dieses Selbst stehen könnte.

Letztlich lässt sich das Selbst nicht erklären.

Jede Erklärung würde es bereits auf das reduzieren, was sich über es sagen lässt.

Selbst das Wort „Selbst“ ist ein Begriff unseres Geistes. Es ist nicht das, worauf es verweist.

Was hier Selbst genannt wird, kann deshalb nicht durch eine Definition erfasst werden.

Wer diesem Mysterium näherkommen will, wird es selbst ergründen müssen.

Selbsterkenntnis

Das Selbst ist nicht mein Selbst. Es ist das einzige Selbst.

Es gibt nicht hier mein wahres Selbst und dort deines.

Es gibt DAS SELBST.

Und nichts, was erscheint, steht außerhalb davon.

Was wir in unserem Alltag „Ich“ nennen, ist die Vorstellung eines eigenständigen, autonomen Wesens.

Ich denke.
Ich entscheide.
Ich handle.
Ich habe das gemacht.
Ich weiß das.
Ich kann das.

Auch hier begegnen wir wieder der Schwierigkeit unserer Begriffe.

„Ich“, „Selbst“ und auch „Gott“ sind Worte. Keines dieser Worte ist das, worauf es verweist.

Man könnte das, was hier DAS SELBST genannt wird, ebenso Gott nennen – sofern damit kein höheres Wesen außerhalb von uns gemeint ist.

Auch im Hinduismus begegnen uns Vorstellungen von Gott, die sich wesentlich von der im Westen verbreiteten Vorstellung eines von der Welt getrennten Gottes unterscheiden.

Wenn hier also von Gott gesprochen wird, ist nicht von einem Wesen neben anderen Wesen die Rede.

Gemeint ist DAS EINE.

Nichts steht diesem Einen gegenüber.

Wo sollte eine solche Trennung stattfinden?

Du kannst Wasser nicht vom Eis trennen. Das Eis ist Wasser.

Und du kannst eine Welle nicht aus dem Meer herausnehmen und als etwas Eigenständiges vor dich stellen.

Die Welle gibt es nicht unabhängig vom Meer. Sie ist das Meer in Bewegung.

So wie auch der Wind nicht irgendwo wartet, bis er zu wehen beginnt. Wind ist das Wehen selbst.

Unsere Sprache macht aus Erscheinungen leicht eigenständige Dinge. Wir geben ihnen einen Namen – Welle, Wind, Ich – und schon kann der Eindruck entstehen, hinter diesem Namen müsse auch etwas für sich selbst Bestehendes stehen.

Doch ein Name schafft noch keine eigenständige Existenz.

Auch das „Ich“ kann auf diese Weise zu etwas werden, das wir für selbstverständlich vorhanden halten, ohne noch zu fragen, worauf dieses Wort eigentlich verweist.

Und du kannst dich nicht einmal von deinem eigenen Atem trennen.

Du kannst sagen:

Mein Atem.

Aber wie eigenständig ist dieses „mein“?

Nimm den Atem fort, und mit ihm verschwindet sehr schnell derjenige, der eben noch behauptete, ihn zu besitzen.

Das Eigene ist nicht das Getrennte.

Das eigene Selbst ist kein privates Selbst.

Erwachen

Wer erwacht?

Das Ich kann nicht erwachen. Denn das Ich ist kein eigenständiges Wesen, das erwachen könnte.

Und hinter diesem Ich verbirgt sich auch kein zweites, individuelles Selbst, das irgendwann erwacht.

Es gibt nicht Milliarden kleine wahre Selbste, von denen eines erwacht und ein anderes noch schläft.

Es gibt DAS SELBST.

Was bedeutet es dann, vom Erwachen des Selbst zu sprechen?

Das Selbst selber hat sich nie verändert.

Die Möglichkeiten des menschlichen Bewusstseins erlauben es uns, uns selbst zu betrachten, über uns nachzudenken und Erfahrungen auf uns selbst zu beziehen.

Gerade darin wird Identität möglich.

Und hier müssen wir genauer werden.

Bis zu diesem Punkt habe ich selbst immer wieder vom „Ich“ gesprochen, als wäre damit etwas Eigenständiges bezeichnet. Das entspricht unserer gewöhnlichen Sprache und macht zunächst verständlich, wovon die Rede ist.

Doch genau diese Sprache kann etwas verfestigen, dessen Eigenständigkeit wir eigentlich erst untersuchen wollten.

Wir sagen:

Mein Geist.
Mein Bewusstsein.
Mein Körper.
Meine Gedanken.
Mein Leben.

Aber wer ist dieses „mein“?

Auch wenn wir sagen: „Das Ich will“, „das Ich denkt“ oder „das Ich hält sich für etwas“, haben wir dem Ich bereits eine Eigenständigkeit zugesprochen.

Doch das Ich behauptet nicht:

Ich bin ich.

Der Mensch sagt:

Ich bin ich.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Es gibt nicht irgendwo in uns ein eigenständiges Ich, das denkt, will, entscheidet und sich anschließend auch noch mit sich selbst identifiziert.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Denken, Erinnern, Reagieren oder Entscheiden keine eigene Dynamik entwickeln können.

Gedanken können entstehen und sich fortsetzen, ohne dass wir sie bewusst hervorgebracht haben. Gewohnheiten können wirksam sein, ohne dass wir sie in diesem Augenblick gewählt haben. Selbst Denken, das wir nicht wollen, kann weiterlaufen.

Aus dieser Eigendynamik folgt jedoch noch kein eigenständiges, bewusstes Ich, das hinter diesen Vorgängen steht und sie ausführt.

Was wir „Ich“ nennen, ist vielmehr zu einer tiefen Selbstverständlichkeit geworden, auf die nahezu alles bezogen wird: meine Erfahrung, meine Gedanken, meine Geschichte, meine Entscheidungen, mein Körper, mein Leben.

Darin zeigt sich die Kraft der Konditionierung.

Was immer wieder auf diesen einen Bezugspunkt zurückgeführt wird, kann irgendwann so selbstverständlich erscheinen, dass seine Wirklichkeit gar nicht mehr infrage steht.

Wir dürfen deshalb dem Ich nicht bereits durch unsere Sprache jene Eigenständigkeit geben, deren Wirklichkeit wir gerade untersuchen.

Die Illusion besteht nicht darin, dass ein wirklich vorhandenes Ich irgendwie beseitigt werden müsste.

Die Illusion besteht in der Eigenständigkeit, die wir ihm zuschreiben.

Im Bewusstsein des Menschen kann dieses Ich zum Gegenstand der Identifikation werden.

Der Mensch identifiziert sich mit ihm und hält es schließlich für das, was er selbst ist.

Aus dieser Identifikation kann er sich lösen.

Nicht weil dabei ein Ich verschwindet.

Sondern weil sich zeigt, dass dieses vermeintlich eigenständige Ich niemals das war, wofür es gehalten wurde.

Erwachen bedeutet deshalb nicht, dass das Ich verschwindet und an seine Stelle das wahre Selbst tritt.

Es bedeutet die Befreiung des Bewusstseins aus der Identifikation mit diesem Ich.

Was bleibt, war niemals fort.

DAS SELBST.

Es ist DAS SELBST, das als Mensch, als Leben und als Bewusstsein erscheint.

Doch seine Erscheinungen stehen ihm nicht gegenüber.

Die Erscheinung ist nicht vom Selbst getrennt. Sie ist das Selbst in Erscheinung.

Nichts, was erscheint, kann außerhalb dessen stehen, was hier DAS SELBST genannt wird.

Wenn die Identifikation mit dem vermeintlich eigenständigen Ich fällt, gibt es „dich“ in der Weise, in der du dich zuvor für dich selbst gehalten hast, nicht mehr.

Und dennoch wird alles weiterhin durch DICH erlebt.

Nach außen kann alles vollkommen unverändert erscheinen.

Für dich aber ist nichts mehr dasselbe.

Was geschah?

Hier kann ich nicht mehr theoretisch oder erklärend sprechen. Hier muss ich die Erfahrung selbst so unmittelbar wie möglich teilen.

Der Himmel ging auf.

Und ich meine das nicht nur sinnbildlich.

Der Raum wurde lebendig.

Er war nicht mehr ein leerer Ort, in den man Dinge hineinstellt und in dem sich das Leben abspielt.

Er selbst war lebendig.

Etwas Ureigenes, Ewiges war da.

Das Soham?
Das Ich-bin?
Das Nichts?
Das ewig Vorherrschende?

Es geht nicht.

Es lässt sich nicht in Worte fassen.

Und dann wurde mein Geist still.

Eine scheinbar endlose Stille, von der ich bis dahin nichts wusste.

Still, wie es vielleicht nur ein ungeborener Stern erfahren könnte.

Still wie die tiefsten Gewässer.

Still wie das Leben selbst, als wären sogar die Geräusche in diese Stille gebettet.

Und gleichzeitig frei.

Voller Zuversicht.

Voller Wissen.

Und nichts, was gewusst werden musste.

Was ich vorher nicht wusste

Vieles von dem, was ich heute ausspreche und aufschreibe, wusste ich vor diesem Ereignis nicht.

Die Fragen und Themen, um die es hier geht, waren mir nicht fremd. Sie begleiteten mich schon lange.

Aber aus diesem Brunnen, der mir seitdem gegenwärtig ist, hätte ich vorher nicht schöpfen können.

Dieser Brunnen war mir gänzlich unbekannt.

Und als diese Erfahrung geschah, hatte ich niemanden, mit dem ich sie wirklich hätte einordnen oder entschlüsseln können.

Es folgten Jahre des großen Zweifels.

Nicht weil die Erfahrung nicht stark genug gewesen wäre.

Sondern weil eine Erfahrung nicht automatisch ihre eigene Erklärung mitliefert.

Was war das?
Was davon ist Erfahrung?
Was davon ist Deutung?
Was davon füge ich selbst hinzu?
Was kann ich wirklich sagen?

Ich musste daran rütteln.

Doch während all dieser Jahre ist die Erfahrung selbst nie von mir gewichen.

Zweifel kamen. Schmerz, Verzweiflung und immer neue Fragen konnten sich einmischen. Aber das, was sich in jener Erfahrung geöffnet hatte, blieb gegenwärtig.

Es blieb als beständiges Gewahrsein gegenwärtig.

Nicht als Erinnerung an etwas, das einmal geschehen war, sondern als etwas, das sich nicht mehr von meinem Leben trennen ließ.

Heute verstehe ich auch, was darin gegenwärtig geblieben ist.

Es ist nicht etwas, das zum Leben hinzukam.

Es ist das Leben selbst.

Es ist das Wesen des Lebendigen, das Wesen des Raumes, etwas stets Gegenwärtiges, das durch die wechselnden Erfahrungen nicht selbst zum Wechselnden wird.

Man kann es nicht wegdenken.

Aber man kann es ebenso wenig herbeidenken.

Niemand kann es durch einen Gedanken oder einen Wunsch erzeugen.

Und genau deshalb muss ich heute nicht so tun, als wüsste ich nicht, was ich erfahren habe, nur um offen zu bleiben.

Offenheit bedeutet nicht Ungewissheit.

Eine Gewissheit darf hinterfragt werden, ohne deshalb zur Vermutung werden zu müssen.

Das Hinterfragen nimmt mir die Erfahrung nicht.

Und die Erfahrung nimmt mir nicht die Freiheit, alles Gesagte wieder zu untersuchen.

Vieles von dem, was ich heute ausspreche, wusste ich vorher nicht.

Es wird nicht erst gedacht und anschließend in Worte gefasst.

Darin unterscheidet sich für mich Weisheit wesentlich vom gewöhnlichen Denken.

Sie kündigt sich nicht an.
Sie wird nicht vorher gedacht.
Sie ist da.

Manchmal begegne ich dem, was ich ausspreche, selbst erst in dem Augenblick, in dem es ausgesprochen wird.

Deshalb ist das, was ich sage, keine Aufforderung zu glauben.

Ich kann sagen:

Das habe ich erfahren.
Das erkenne ich darin.
Davon spreche ich.

Und all das kann hinterfragt werden.

Mehr noch:

Du kannst selbst hinsehen.

Nicht eine Haaresbreite

Wenn Meister Eckhart sagt:

„Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, mit dem Gott mich sieht“,

dann bedeutet das für mich etwas sehr Einfaches und zugleich kaum Aussprechbares:

Nicht eine Haaresbreite Trennung.

Nicht ich hier und Gott dort.

Nicht mein Bewusstsein und dahinter ein anderes, größeres Bewusstsein.

Nicht mein Selbst und das Selbst.

Nicht das Eine und daneben die vielen Dinge.

Denn das Viele steht dem Einen nicht gegenüber.

Es war nie davon getrennt.

Darauf verweist für mich der Begriff des wahren Selbst.

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Der Stern wird jetzt wohl geboren.
Er wird seinen Lauf nehmen,
und ein langer Schweif wird ihn begleiten.

Und voller Freude wird er zurücksinken
in dieselbe Stille,
aus der er …

IST.

Wo Erkenntnis wirklich beginnt

Wenn es einem Menschen gelingt, über die gewohnte Wahrnehmung seiner selbst und der Welt hinauszuschauen, kann sich ihm eine Wirklichkeit eröffnen, in der alle Unterscheidungen aufgehoben scheinen.

Kein Hier und Dort, kein Vorher und Nachher, keine Bewegung, die irgendwohin führt. Und dennoch ist Das nicht einfach Nichts.

In einer solchen Schau oder Erfahrung kann die Gewissheit entstehen, dass alles ein und dasselbe Sein ist, das nicht hier beginnt und dort endet, sondern alles durchdringt.

Doch zu sagen, dieses Sein sei schon immer gewesen und sei immer – könnte das unter Umständen dem Erfahrenden einleuchten?

Jedoch, wie leicht lässt man sich von der Gunst der Stunde blenden! Die Unmittelbarkeit einer Erkenntnis kann so überwältigend sein, dass kaum noch zwischen dem unterschieden wird, was sich tatsächlich gezeigt hat, und dem, was daraus gefolgert wird.

Es ist zu erkennen, dass es in alle Richtungen dasselbe Sein ist, sogar, dass es gar keine voneinander getrennten Richtungen gibt.

Aber deshalb bezeugen, was vor dieser Erkenntnis war?

Vom Jetzt aus in die Vergangenheit zu schauen, ist nicht dasselbe, wie die Vergangenheit selbst zu kennen.

Vielleicht liegt gerade hier ein Missverständnis, das sich durch viele philosophische und mystische Erklärungen zieht.

Aus der Erfahrung des Zeitlosen wird eine Behauptung über die Ewigkeit gemacht.

Doch ewig bedeutet in diesem Zusammenhang nicht unbedingt unendlich lange.

Ewig ist nur eine Bezeichnung für zeitlos.

Wenn es dem Menschen gelingt, in dieses Eine, in diese Weite, in diese vorherrschende Nicht-Existenz zu schauen, ist er selbst zum Zeitfaktor geworden, durchdrungen von demselben Selbst. Das Bewusstsein erlebt sein eigenes Erschaffen und Vergehen, ohne dass darin irgendeine Bewegung stattfindet.

Eine ewige Schau. Aber ewig nur, weil Zeit darin keine Bedeutung mehr hat.

Nun könnte man fragen, wer denn das Entstehen und Vergehen des Bewusstseins wahrnimmt. Wer bleibt, wenn das Bewusstsein vergeht? Ist es Gott? Das wahre Selbst? Ein allumfassendes Bewusstsein?

Solche Antworten sind schnell gefunden. Und vielleicht gerade deshalb verdienen sie besondere Vorsicht.

Mir fallen dabei die Worte Jesu ein: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“

Was er damit meinte, können wir untersuchen. Doch seine Worte müssen nicht dazu dienen, etwas zu erklären, das sich unserer Erklärung entzieht.

Ich weiß nur: Wenn Es ist, bin ich nicht. Nicht hier, nicht dort, nicht nirgendwo.

Als Ich kehre ich zurück und weiß davon. Doch wenn es ist, dann bin ich nicht.

Darin liegt ein eigentümlicher Widerspruch. Das Ich kann später davon sprechen, aber es kann nicht bezeugen, währenddessen als Ich anwesend gewesen zu sein. Und dennoch bleibt etwas, das sich nicht einfach als Einbildung abtun lässt.

Ob die Rückkehr ins Bewusstsein erst die Erinnerung hervorbringt, ob sie dem Erfahrenen seine Bedeutung gibt oder ob hier etwas ganz anderes geschieht …?

Die eigentliche Konsequenz einer solchen Erkenntnis könnte darin liegen, ihr nicht mehr zuzuschreiben, als sie selbst zu erkennen gibt.

Doch was wäre, wenn es dem Menschen gelänge, nicht nur in dieses Eine zu schauen, sondern selbst dieses Eine zu sein? Nicht für einen Augenblick, nicht innerhalb einer Erfahrung und auch nicht für eine bestimmte Zeit, sondern als dieses Selbst selbst.

Dann erlebt der Mensch nicht mehr sein wahres Selbst, sondern er ist es. Seine wahre Natur ist nicht länger Gegenstand einer Erkenntnis. Sie ist sein eigenes Sein.

Da ist weder Zeit noch Zeitlosigkeit. Raum, Körper und alle Erscheinungen sind nicht mehr etwas, das einem Selbst gegenübersteht. Alles ist dieses eine Selbst, in dem keine Trennung, keine Grenze, kein Anfang, keine Richtung und kein Ende zu erkennen sind. Kein Ich erlebt darin mit. Das Selbst ist selbst das Erlebende.

Ist der Mensch in dieses göttliche Reich eingekehrt, so ist er als Mensch zum Sein geworden und als Ich entworden.

Und ist dies nicht nur eine vorübergehende Erfahrung, sondern unwiderruflich gewahr gewordenes Sein, dann sind alle Träumereien, alles Leiden und alle Zweifel an seiner wahren Natur entwurzelt. Nicht weil der Mensch eine endgültige Antwort gefunden hätte, an der er nun festhalten müsste, sondern weil das, was ihn von seiner eigenen Natur zu trennen schien, nicht mehr besteht.

Wenn der Mensch dies wahrhaftig ist, dann und nur dann ist es ein für alle Mal vollbracht. Alles scheint neu an seinem Platz zu sein. Der Traum der Trennung ist vorbei.

Erst jetzt kann vom eigentlichen Menschsein die Rede sein. Denn allein der Körper macht uns nicht zu dem, was wir in Wahrheit sind. Auch Vernunft und selbst Weisheit vermögen nicht zu vollbringen, was dieses ureigene Selbst vermag. Erst in diesem göttlichen Wirken offenbart sich im Menschen sein wahrer Sinn.

Kein Wunder, dass der Mensch in seiner vermeintlichen Trennung so sehr leidet. Getrennt zu leben und zugleich die eigene wahre Natur zu ahnen, muss Schmerz hervorbringen. Denn was er sucht, ist ihm nicht fremd. Es ist das, was er selbst ist.

Josan