Wenn es einem Menschen gelingt, über die gewohnte Wahrnehmung seiner selbst und der Welt hinauszuschauen, kann sich ihm eine Wirklichkeit eröffnen, in der alle Unterscheidungen aufgehoben scheinen.
Kein Hier und Dort, kein Vorher und Nachher, keine Bewegung, die irgendwohin führt. Und dennoch ist Das nicht einfach Nichts.
In einer solchen Schau oder Erfahrung kann die Gewissheit entstehen, dass alles ein und dasselbe Sein ist, das nicht hier beginnt und dort endet, sondern alles durchdringt.
Doch zu sagen, dieses Sein sei schon immer gewesen und sei immer – könnte das unter Umständen dem Erfahrenden einleuchten?
Jedoch, wie leicht lässt man sich von der Gunst der Stunde blenden! Die Unmittelbarkeit einer Erkenntnis kann so überwältigend sein, dass kaum noch zwischen dem unterschieden wird, was sich tatsächlich gezeigt hat, und dem, was daraus gefolgert wird.
Es ist zu erkennen, dass es in alle Richtungen dasselbe Sein ist, sogar, dass es gar keine voneinander getrennten Richtungen gibt.
Aber deshalb bezeugen, was vor dieser Erkenntnis war?
Vom Jetzt aus in die Vergangenheit zu schauen, ist nicht dasselbe, wie die Vergangenheit selbst zu kennen.
Vielleicht liegt gerade hier ein Missverständnis, das sich durch viele philosophische und mystische Erklärungen zieht.
Aus der Erfahrung des Zeitlosen wird eine Behauptung über die Ewigkeit gemacht.
Doch ewig bedeutet in diesem Zusammenhang nicht unbedingt unendlich lange.
Ewig ist nur eine Bezeichnung für zeitlos.
Wenn es dem Menschen gelingt, in dieses Eine, in diese Weite, in diese vorherrschende Nicht-Existenz zu schauen, ist er selbst zum Zeitfaktor geworden, durchdrungen von demselben Selbst. Das Bewusstsein erlebt sein eigenes Erschaffen und Vergehen, ohne dass darin irgendeine Bewegung stattfindet.
Eine ewige Schau. Aber ewig nur, weil Zeit darin keine Bedeutung mehr hat.
Nun könnte man fragen, wer denn das Entstehen und Vergehen des Bewusstseins wahrnimmt. Wer bleibt, wenn das Bewusstsein vergeht? Ist es Gott? Das wahre Selbst? Ein allumfassendes Bewusstsein?
Solche Antworten sind schnell gefunden. Und vielleicht gerade deshalb verdienen sie besondere Vorsicht.
Mir fallen dabei die Worte Jesu ein: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“
Was er damit meinte, können wir untersuchen. Doch seine Worte müssen nicht dazu dienen, etwas zu erklären, das sich unserer Erklärung entzieht.
Ich weiß nur: Wenn Es ist, bin ich nicht. Nicht hier, nicht dort, nicht nirgendwo.
Als Ich kehre ich zurück und weiß davon. Doch wenn es ist, dann bin ich nicht.
Darin liegt ein eigentümlicher Widerspruch. Das Ich kann später davon sprechen, aber es kann nicht bezeugen, währenddessen als Ich anwesend gewesen zu sein. Und dennoch bleibt etwas, das sich nicht einfach als Einbildung abtun lässt.
Ob die Rückkehr ins Bewusstsein erst die Erinnerung hervorbringt, ob sie dem Erfahrenen seine Bedeutung gibt oder ob hier etwas ganz anderes geschieht …?
Die eigentliche Konsequenz einer solchen Erkenntnis könnte darin liegen, ihr nicht mehr zuzuschreiben, als sie selbst zu erkennen gibt.
Doch was wäre, wenn es dem Menschen gelänge, nicht nur in dieses Eine zu schauen, sondern selbst dieses Eine zu sein? Nicht für einen Augenblick, nicht innerhalb einer Erfahrung und auch nicht für eine bestimmte Zeit, sondern als dieses Selbst selbst.
Dann erlebt der Mensch nicht mehr sein wahres Selbst, sondern er ist es. Seine wahre Natur ist nicht länger Gegenstand einer Erkenntnis. Sie ist sein eigenes Sein.
Da ist weder Zeit noch Zeitlosigkeit. Raum, Körper und alle Erscheinungen sind nicht mehr etwas, das einem Selbst gegenübersteht. Alles ist dieses eine Selbst, in dem keine Trennung, keine Grenze, kein Anfang, keine Richtung und kein Ende zu erkennen sind. Kein Ich erlebt darin mit. Das Selbst ist selbst das Erlebende.
Ist der Mensch in dieses göttliche Reich eingekehrt, so ist er als Mensch zum Sein geworden und als Ich entworden.
Und ist dies nicht nur eine vorübergehende Erfahrung, sondern unwiderruflich gewahr gewordenes Sein, dann sind alle Träumereien, alles Leiden und alle Zweifel an seiner wahren Natur entwurzelt. Nicht weil der Mensch eine endgültige Antwort gefunden hätte, an der er nun festhalten müsste, sondern weil das, was ihn von seiner eigenen Natur zu trennen schien, nicht mehr besteht.
Wenn der Mensch dies wahrhaftig ist, dann und nur dann ist es ein für alle Mal vollbracht. Alles scheint neu an seinem Platz zu sein. Der Traum der Trennung ist vorbei.
Erst jetzt kann vom eigentlichen Menschsein die Rede sein. Denn allein der Körper macht uns nicht zu dem, was wir in Wahrheit sind. Auch Vernunft und selbst Weisheit vermögen nicht zu vollbringen, was dieses ureigene Selbst vermag. Erst in diesem göttlichen Wirken offenbart sich im Menschen sein wahrer Sinn.
Kein Wunder, dass der Mensch in seiner vermeintlichen Trennung so sehr leidet. Getrennt zu leben und zugleich die eigene wahre Natur zu ahnen, muss Schmerz hervorbringen. Denn was er sucht, ist ihm nicht fremd. Es ist das, was er selbst ist.