Wirklichkeit wartet nicht auf ein Verstehen. Sie befindet sich weder in einem verborgenen Winkel des Verstandes noch in einem künftigen Augenblick, in dem endlich alles erkannt sein wird.
Mit dem Denken versucht man, sich ihr anzunähern. Doch auch dieser Versuch geschieht bereits in ihr. Selbst der Gedanke, von ihr getrennt zu sein, liegt nicht außerhalb ihrer Gegenwart.
Sie kann unbemerkt bleiben, während die Aufmerksamkeit ganz von Gedanken beansprucht wird. Daraus folgt nicht, dass das Denken verschwinden müsste. Ein Gedanke verdeckt Wirklichkeit nicht durch seine bloße Anwesenheit. Er gehört selbst zu dem, was erscheint.
Doch Gedanken können den Anspruch erhalten, das eigene Sein vollständig auszusprechen. Eine Erinnerung wird zu „meiner Geschichte“, eine Überzeugung zu „meiner Wahrheit“, ein Urteil zu „So bin ich“. Was gedacht wird, scheint dann festzulegen, wer da ist.
Gedanken wissen jedoch nichts von sich selbst. Auch der Gedanke „ich“ wird wahrgenommen. Er kann das eigene Sein benennen, aber nicht allein durch diese Benennung erkennen.
Darin öffnet sich die Frage: Wer ist sich all dessen bewusst?
Eine weitere Beschreibung mag darauf antworten. Doch auch diese Antwort erscheint wieder als Gedanke. Die Frage reicht tiefer als das Bild, das das Denken von der eigenen Person entwirft.
Selbsterkenntnis verlangt deshalb nicht, das Denken zu bekämpfen. Sie verlangt, bei der Frage zu bleiben und die Aufmerksamkeit dem eigenen Sein zuzuwenden. Nicht nur dem, was über sich selbst bekannt ist, sondern dem, dem auch dieses Wissen bewusst ist.
Das kann still werden, ohne dass Stille erzwungen wird. Gedanken dürfen da sein, ohne dass jeder Gedanke verfolgt oder als Aussage über das eigene Wesen festgehalten werden muss.
Wirklichkeit beginnt nicht dort, wo das Denken endet. Kein Gedanke bringt sie hervor, kein Gedanke hebt sie auf.
Auch die Suche nach ihr ist bereits in ihr möglich.
… weil die Wirklichkeit IST.
Zum Verständnis
„Wirklichkeit“ meint hier im spirituellen Sinn das grundlegend Gegenwärtige: das, was nicht erst durch eine Vorstellung entsteht und nicht mit ihrem Verschwinden aufhört zu sein. Die Frage richtet sich damit auf den Grund des Daseins und zugleich auf das eigene Sein.
Sie betrifft das menschliche Leben unmittelbar. Was als „ich“ gilt, bestimmt mit, was bedroht erscheint, was verteidigt werden muss und woran sich Hoffnung bindet. Wird das eigene Sein ganz mit wechselnden Gedanken, Erfahrungen und Selbstbildern gleichgesetzt, scheint es mit ihnen zu stehen und zu fallen. Selbsterkenntnis fragt, ob damit bereits alles gesagt ist, was der Mensch ist.
Diese Ergründung hat eine lange Geschichte. In der griechischen Philosophie wurde über Sein, Erscheinung und Wandel nachgedacht. In den indischen Upanishaden begegnen Fragen nach dem Selbst und dem Grund des Daseins. Ātman bezeichnet das Selbst, Brahman die grundlegende Wirklichkeit. Im Advaita werden beide ihrem Wesen nach als nicht getrennt verstanden; andere Schulen deuten ihr Verhältnis anders. Diese Begriffe sind keine bloßen Namen persönlicher Gottheiten. Sie gehören zu unterschiedlichen Versuchen, das Dasein zu verstehen.
Solche Überlieferungen können Orientierung geben. Die eigene Ergründung setzt jedoch weder ihre Übernahme noch einen Götterglauben voraus. Auch ein Guru, die Zugehörigkeit zu einer Tradition, religiöse Symbole oder Riten sind dafür keine Voraussetzung. Ihr möglicher Wert für einzelne Menschen wird dadurch nicht bestritten.
Ebenso wenig ist eine bestimmte Meditationspraxis vorgeschrieben. Das bedeutet aber nicht, dass Selbsterkenntnis ohne Aufmerksamkeit und Vertiefung geschieht. Sie braucht Konzentration, Gelassenheit und die Bereitschaft, bei der eigenen Erfahrung zu verweilen, statt sie sogleich zu bewerten oder sich von ihr abzuwenden.
Eine ruhige, natürliche Umgebung kann diese Hinwendung wesentlich unterstützen. Ein stiller Raum, wenig Ablenkung und ausreichend Zeit erleichtern es, innere Ruhe zu finden und sich der eigenen Tiefe zuzuwenden. Äußere Stille nimmt diese Hinwendung nicht ab. Sie gibt ihr Raum.
Dabei ist Ruhe kein Zustand, der vollkommen erreicht sein müsste, bevor Selbsterkenntnis beginnen darf. Auch Unruhe, Zweifel und Gedanken können wahrgenommen werden. Entscheidend ist die Bereitschaft, sich ihnen aufmerksam zuzuwenden, ohne sich in jeder ihrer Bewegungen zu verlieren.
Spiritualität bezeichnet hier diese unmittelbare Ergründung des eigenen Seins. Begriffe können sie verständlicher machen, philosophische Gedanken können sie anregen. Die eigene Hinwendung können sie nicht ersetzen.
Der Begriff „Spiritualität“ dient auf dieser Seite der Verständigung. Er benennt hier die Hinwendung zum eigenen Sein und dessen unmittelbare Ergründung. Diese Möglichkeit ist an keinen besonderen Namen gebunden.
Dasselbe gilt für „Meditation“. Gemeint sind hier Sammlung, stilles Verweilen und eine vertiefte Aufmerksamkeit – keine vorgeschriebene Technik und kein Versprechen, einen besonderen Zustand erwerben zu können.
Wo solche Begriffe vor allem mit Angeboten, Methoden und Erfolgsversprechen verbunden werden, kann das Einfache daran aus dem Blick geraten: die Möglichkeit, sich dem eigenen Erleben unmittelbar zuzuwenden. Diese Seite möchte dafür Raum geben.